Zur unverwechselbaren Arbeit von PRINZGAU/podgorschek im Zwischenreich von Architektur, Skulptur, kommentierender Installation, konzeptuellem Design und Medienkunst
In einer Türschnalle, entworfen in den 1960er Jahren von Max Bill, dem Theoretiker der reinen Funktionsform, steckt ein Aluminiumrohr. Die Schnalle mutiert zum Griff eines Stockes – eines leichten, eleganten und elastischen Spazierstockes. Das Objekt transformiert sich und ändert seine Funktion für einen anderen Alltagsgebrauch.
Im Wiener Augarten, einem seit dem Josefinismus beliebten Volkspark in der ehemals jüdischen Leopoldstadt, steht der von den Nazis errichtete Betonbunker eines Flakturmes. Halb Monument, halb erratisches Memento waren die Flaktürme – in die gedachten Achsen der Raumfigur der Stadt eingepasst – vielen Wiener Planern der Nachkriegszeit immer eine Art Hindernis in der Stadtgestalt, das beplant werden musste. PRINZGAU/podgorschek haben in einem ihrer Entwürfe vorgeschlagen, diesen Ort gleichsam zu ignorieren und zu naturalisieren, indem sie die schiefe Ebene einer Kirschbaumalle vom Garten auf dem Turm imaginierten.
2003 stand in der Auslage eines verlassenen Gassenlokales im 2. Wiener Gemeindebezirk für eine Weile ein kleines Architekturmodell aus Schaumgummi und Erdnüssen auf kleinen Stützen, das an die utopistischen Architekturphantasien der Situationstischen Internationale erinnerte. Es war mit der provokanten Aufschrift versehen: „Würden sie diesen Gemeindebau Ausländern widmen?“
Für die Arbeit von PRINZGAU/podgorschek kann man eine derart angewandte Entwurfs-Kritik wie jene, welche in den drei maßstabsunterschiedlichen Beispielen aus dem weiten Werkfeld angedeutet ist, nahezu paradigmatisch nennen. Es ist eine Kritik an den meist ökonomistischen oder formalistischen Ideologien, die einen verengten Produktionsbegriff und eine auf die Verwertbarkeit eingeschränkte Vorstellung von Gestaltung haben. Formuliert wird diese Kritik in einer Analyse des Bestehenden, die stets auch auf das Sprengende verweist und Fragen nach einer befreienden ästhetischen, gestalterischen Perspektive stellt. Während der letzten zwei Jahrzehnte entwickelte sich entlang dieser Fragen und mit dieser methodischen Konzeption eine unverwechselbare gestalterische Praxis, die im Zwischenreich zwischen Architektur und Skulptur, kommentierender Installation und konzeptuellem Design eine genuine Sprache spricht.
PRINZGAU/podgorschek entwerfen und projizieren in ihrer Arbeit gleichsam eine angewandte »Kritik am Alltagsleben«. Indem sie das in einer schier überbordenden Anzahl Skizzen und Objekten, Modellen und Projekten tun, erheben sie zugleich Anklage gegen die ökonomischen Strategien, aus denen dieser Alltag erwächst. Es ist eine nachhaltige, antiökonomistische Methode, die diese Prozesse und Entwürfe hervorbringt, ein Spiel, das oft auch doppelt dem Wortsinn von Begriffen nachbaut und den Effekten der Gestaltung sozusagen beim Entstehen zusieht. In einer Werkgruppe zum Beispiel bauen sich da aus dem, was an Überflüssigem in die Wohnung kommt, aus Kuverts, Verpackungen, Postwurfmaterial, aus dem Arbiträren, dem Beiläufigen und Zufälligen vor dem Hintergrund des Informationsrauschens sozusagen kommunikative Organismen. Vorentwürfe, Gestaltskizzen, funktionsandeutende Objekte. In einem anderen Feld des Werkes wieder mischen sich funktionale Notwendigkeit, Sprachwitz und die Dazwischenkunft des Körpers zu Möbelgedanken und schaffen durch leichte Verschiebung von Gewohntem allegorische Situationen und Objekte, die durch die Verbindung von handwerklichem Witz und sprachspielerischer Gebrauchsaufforderung einen lyrischen Sog haben. Bernhard Rudofsky fällt einem da ein, aber auch die Rupturen und Amalgame verschiedener ästhetischer Haltungen, die das Klima der frühen 80er Jahre bestimmten, jenem kurzen Zeitpunkt, als die Leichtigkeit von Designarabesken und die Dekonstruktion postmoderner Klassizismen der Architektur sich mit einem Zugriff auf Momente der nachminimalistischen Skulptur verbanden. In dieser Zeit und in diesem Klima entstanden auch die ersten gemeinsamen Projektideen und Realisierungen
Bis heute bleibt vieles im Werk von PRINZGAU/podgorschek in einem Aggregatzustand, der die nicht unterscheiden muss zwischen Konzept und vorkonzeptuellem Plan, Modell und Realisierung. Den Raum zwischen Begriffen zu beleben, ein Mapping dieses Zwischenraumes zu erarbeiten, in dieses Mapping Entwurfsgedanken zu setzen woraus sich dann eine Art typologische Analyse diverser Anordnungen ergibt und Raumparaphrasen in einer passagären, temporären Art entstehen, die sich zu Realisierungen in verschiedenen Medien verfestigen ist gestalterisches Programm geworden.
PRINZGAU/podgorschek erzählen in ihren Objekten, Installationen, Filmen, Videos, Fotografien und Zeichnungen sowie in den partizipativen Arbeiten oder den Projekten im öffentlichen Raum vom Offenhalten der Sprache für das Nachdenken darüber, wie denn Dinge und Räume zu gebrauchen seien, das Verschieben von Bedeutungen in Parallelstrukturen. Die Arbeit mit Überhöhungen lassen dabei Geräte zur Körper-, Raum- und Stadtwahrnehmung aus sublimen Umdeutungen und Mehrfachcodierungen entstehen, wie zum Beispiel die Brücke der unvollendeten Harmonie, den Negativprospekt eines ins Nichts führenden Fragmentes einer Schnellstraßenbrücke, die vollgestopft mit Modellen von Autos ist, welche kopfunter wie Tropfen auf dieser Struktur hängen; oder machen den Vorschlag, parallel zum Flächenbedarf jeder neuen Straße und mit denselben dafür notwendigen Finanzierungs- und Genehmigungsverfahren einen gleich breiten öffentlichen Grünstreifen durch die Landschaft zu legen; oder entwickeln ein grandioses Rückblickbild auf die Spätmoderne in Form eines wie in einer archäologischen Ausgrabung konservierten Stückes Autobahn.
PRINZGAU/podgorschek Werk ist voll von solchen Drehbewegungen, Richtungs- und Blickwechseln und der Suche nach neuen Motiven und Formen, die durch den Ab- und Umbau von alltäglichen Elementen entstehen. Diese neuen Formen sind dann jene, die mit Abstand vom Kontext ihr poetisches Eigenleben entwickeln und über die neue Wahrnehmungsweisen entstehen können, auch weil sie die alten nicht ganz verloren oder aufgegeben haben. Das für das Projekt jeweils gewählte Medium ist das Instrument dieser Übertragung, weil es den Effekt einer spezifischen Umwandlung befördert, die das ganze Objekt betrifft. Das „Sprungbrett an einer Landschaftsstufe“ in Japan war so ein Medium. Ein Sehscharnier von dem aus sich sozusagen eine Summe der verschiedenen Motive japanischer Landschaft ziehen ließ, das sich aber auch als Podest für Beobachterinnen eignete, denen es ermöglichte sich zu diesem Blick in Distanz zu verhalten.
Ein Spielvergnügen mit sprachlichen Metaphern theoretischer Leichtfüßigkeit, die im Wortsinn das Bild der Arbeit umkreisen, einkreisen, an ihm entlang gehen ist ein weiteres Zeichen der Methode, mit der das Paar arbeitet. Einzelne Entwurfs- und Denkfiguren und deren Sprachklang können sich dabei in skulpturale Assamblagen umgießen. Stellvertretend sei hier nur PRINZGAU/podgorscheks Vorschlag der Einschüttung eines ganzen Siedlungshauses genannt oder „die Pedianten“.
Das Atelier oder die Wohnung ist der Lagerraum, der Durchgangsort und das archivarische Aggregat, in dem Vor-Entwürfe gespeichert sind. Das Speichern selbst, dieses Ablagern und Umlagern, das Arrangieren und Vorsortieren von aus dem Vorgefundenen an Ideen und Alltagsgegenständen Gebautem zieht von diesem Ort aus eine Spur durch die Arbeit. Einzelne Fragmente aus den hier abgelegten Motiveinkreisungen wachsen in Realisierungen zusammen. Ähnliches gilt auch für den reflektiven Umgang mit der eigenen Arbeit. PRINZGAU/podgorscheks umsichtiger Gebrauch von theoretischen Mitteln ist immer auch davon gleitet, Lesemethoden vorzuschlagen, die den Entwurf in ein Netzwerk von theoretischen Referenzen einspinnen und komplex machen um die oft unvereinbaren Logiken von Form offen zu legen. Diese Praxis des Zusammenführens, des Verwebens und des wie absichtslosen Ausstoßens von vermeintlichem Überfluss ist ja in der Linzer Ausstellung „Fadenbrand“ selbst zur Installation geworden.
Die Lust an der Transformation von Objekten und Situationen bindet sich in dieser Installation an das Interesse, komplexe soziale Beziehungsgeflechte und Ökonomien zu erkunden ohne sich auf eine Trennung von Medium, Inhalt und Form einlassen zu wollen. Diese Strategie verwenden P/p besonders in jenen Situationen und Arbeiten, in denen es ihnen darum geht zu zeigen, wie in einer bestimmte Situation formale Lösungen unausweichlich zu sein scheinen, ja die Formen sie geradezu produzieren. Wie Fußnoten, Paralipomena oder Marginalien machen aber auch die Modellskizzen und Vorentwurfszeichnungen, die die Ausstellung zeigt, eine zentrale aber oft verborgene Übertragungsphase von Wissen sichtbar. Aus einer Lektüre, der Umdeutung eines Alltagsbegriffes, der Phrase, aus einem ebenso gesuchten wie gefundenen Wortspiel zieht der Entwurf, das Projekt, das Objekt gleichsam seine Summe, lässt und diesem Gespräch mit dem Material eine Richtung offen. Kompositionen, aus denen andere Entwürfe und Entwurfsideen im Gegenzug ihr Formenleben entwickeln können. So eine Bewegung von Arbeiten am Material setzt auch bei den BetrachterInnen einen Kreislauf aus Übertragung und Transformation von gestalterischem Wissen, von Ideen und Erfahrungen in Gang. Das Vorläufige des Vorentwurfes, des Modellhaften Austarierens von Inhaltsformen erzählt eben von einer Denkerfahrung, hin von einem Augenblick des Lesens und Aufzeichnens bzw. Aufbauens zu einem späteren, der Realisierung. Was PRINZGAU/podgorscheks Denken in Möglichkeitsformen evoziert ist nichts weniger als ein neues Denken über den Gebrauch von Dingen.
Georg SchöllhammerLIFE IN THE DRAFT LANE
On the unique work of PRINZGAU/podgorschek, in the borderline between architecture, sculpture, critical installation, conceptual design, and media art
Georg Schöllhammer
Stuck into a door handle designed in the 1960s by Max Bill, the theoretician of pure functional form, is an aluminum pipe. The door handle becomes the handle of a cane – a lightweight, elegant and elastic walking stick. The object transforms itself and modifies its function to meet another everyday need.
In Vienna's Augarten, a park located in the formerly Jewish district of Leopoldstadt that has been a popular recreational area since the days of Josephinismus, stands the concrete bunker of a flak tower, erected by the Nazis. Half monument, half erratic memento, these flak towers – placed at the projected axes of the city's spatial configuration – were viewed by many post - war Viennese planners as a kind of obstacle on the cityscape that they had to plan around.
In one of their projects, PRINZGAU/podgorschek proposed both ignoring and naturalizing this site, by imagining the sloping plane of an alley of cherry trees transferred from the park onto the tower. In 2003 one of their projects was displayed for a time in the shop window of an abandoned alleyway restaurant in the 2nd Viennese city district: a small architectural model made of foam rubber and peanuts, propped on small supports, reminiscent of the most utopian architectural fantasies of the Situationist International. It was furnished with the provocative inscription: „Would you dedicate this community building to Foreigners?“
This kind of applied design criticism, exemplified by these three projects on varying scales that have been chosen from their myriad artistic production, can be viewed as almost paradigmatic of the work of PRINZGAU/podgorschek. It is a critique of the primarily economic or formalist ideologies that have narrowed our concept of production and of design of the sole criterion of usability. This critique is formulated by way of an analysis of what already exists, always interrogating how one could break through the present limitations and achieve a more emancipating aesthetic and formative perspective. During the last two decades these questions and this methodological approach have helped the artists to evolve an unmistakable creative practice, which moves smoothly between the boundaries of architecture and sculpture, critical installation and conceptual design, speaking a language that is genuine and all their own.
At the same time, PRINZGAU/podgorschek draft and project in their work an applied “critique of everyday life.” By doing so with an overwhelming number of sketches and objects, models and projects, they likewise denounce the economic strategies out of which these everyday existence grows. It is a sustainable, anti - economic method that brings forth these processes and designs, a game that often plays with double entendres and watches over the effects elicited by creative work even as it is still taking shape. In one group of works, for example, all of the superfluous matter that finds its way into our homes – envelopes, packaging, junk mail – all that arbitrary, incidental and coincidental junk that comes together as part of the ceaseless stream of information, forms a kind of communicative organism.
Preliminary drafts, design sketches, objects hinting at a function. In another field of their works, they mix functional necessity and plays on words with the role of the body in shaping furniture ideas, and, by slightly skewing the ordinary, create allegorical situations and objects whose combination of craftsmanly humor and a their written challenge to us to find a way to use them, exert a kind of lyrical pull. Bernhard Rudofsky comes to mind here, but also the ruptures and amalgams of varying aesthetic attitudes that pervaded the climate of the early 80s, that short period during which the lightness of design arabesques and the deconstruction of postmodern classical architecture merged with an access to certain aspects of post - minimalist sculpture. It was during this time and in this climate that the duo's first projects were drafted and in some cases realized.
Even today, much in the work of PRINZGAU/podgorschek remains in an aggregate state. It is not always possible to distinguish between concept and pre - conceptual plan, model and realization. Breathing life into the space between terms, mapping this intermediate space, setting design ideas into this mapping from which emerge a kind of typological analysis of divers arrangements and space paraphrases of a transitory, temporary kind, which can then be solidified in realizations in various media – this has become their creative program.
In their objects, installations, films, videos, photographs and drawings, as well as in the participatory works or projects in public space, PRINZGAU/podgorschek reveal the openness of language for pondering how things and spaces can be used, how meanings can be shifted into parallel structures.
Their work with exaggerations turns devices into corporeal, spatial and urban perceptions through sublime re - interpretation and multiple coding, such as in the Brücke der unvollendeten Harmonie ( Bridge of Incomplete Harmony), a negative view of the fragment of a highway leading into nothingness, which is packed full of model cars hanging head - down like droplets. Or they propose that, parallel to the space required for every new road, and using the same funding and approval procedures, a green public space of the same breadth should be set aside in the landscape. Or the develop a grandiose retrospective on the late modern era in the form of a piece of highway preserved as it were an archeological site.
PRINZGAU/podgorschek's work is full of such twists and turns, about - faces in both direction and in perspective, and the search for new motifs and forms that can come about by deconstructing and reconceiving everyday elements. With the distance gained from their customary context, these forms then evolve their own poetic life, which lets us perceive them in new ways – although they never completely forfeit or lose their old significance. The medium chosen for each project is the instrument for this transmutation, because it promotes a specific kind of metamorphosis affecting the entire object. The Sprungbrett an einer Landschaftsstufe (Diving Board on a Landscape Plane) in Japan was this kind of medium. A viewing angle from which can be drawn a kind of summation of the various motifs in the Japanese landscape, but which is also suitable as a pedestal for observers, from which they can react to this view from a distance. An entertaining game with linguistic metaphors marked by theoretical lightfootedness, which orbit around, encircle the image of the work with words, moving along next to it, is a further characteristic of the method with which the pair works.
Some of their designs and hypotheses and the language they use to describe them find expression in sculptural assemblages. As examples of this tendency, we can cite PRINZGAU/o´podgorschek's proposal to bury one of the houses in a housing development under rubber, or the film die pedianten (the pediants).
The studio or apartment is the warehouse, the transition space and the archival aggregate in which preliminary sketches are stored. The storage itself, this depositing and moving, re - arranging and pre - sorting of things built from found ideas and every day objects, leaves a trail from this location that continues through the work.
Individual fragments of the, motifs circled in on and stored here meld together to become realizations. A similar method is used for the artist's reflections on their own work. PRINZGAU/podgorschek's prudent use of theoretical means is always guided by effort to suggest reading methods that weave the design into a network of theoretical references and render it complex in order to unveil the often irreconcilable logics of form. This practice of bringing together, weaving together and the seemingly unintended ejection of supposed surplus has itself become an installation in the Linz exhibition of Fadenbrand.
In this installation the desire to transform objects and situations is tied to an interest in exploring the complex mesh of social relationships and economies without however separating oneself from medium, content, and form. This is a strategy PRINZGAU/podgorschek enlist especially in those situations and works in which they want to show how for in a specific situation formal solutions seem unavoidable, how the situation even virtually produces its own forms. Like footnotes, paralipomena or marginalia, the model sketches and preliminary drawings also shown in the exhibition reveal a central but often hidden phase of the transfer or knowledge. From reading, the reinterpretation of an everyday concept, the phrase, from a searched for and found play on words, the draft, the project, the object sum themselves up, while still leaving a door open for us and for this dialogue with the material to take off in a new direction. These are compositions from which other drafts and other creative ideas can be developed as a countermove to their formal life. This movement of works along the axis of their material also sets in motion in the viewers a cycle of transfer and transformation of creative knowledge, of ideas and experiences. The preliminary character of the draft, the model like weighing of different forms of content, tells of a thinking experience that goes from a moment of reading and recording or building toward a later moment, the realization. What PRINZGAU/podgorschek's thought process evokes in potential forms is nothing less than a new way of thinking about the uses of things.
